Norwegen

Hier kannst du alle Berichte hintereinander lesen, beginnend mit dem aktuellsten. 

Ausgerechnet an Pfingsten in Bergen

05. Juni 2022

In Bergen laufen wir über das Pfingstwochenende ein. Die Feiertage hatten wir total vergessen und daher nicht in unserer Essens- und Einkaufsplanung berücksichtigt. Wir sind leergelaufen an frischem Obst und Gemüse und müssen einkaufen gehen. Daher verbleiben wir von Sonntag bis Dienstag in Bergen.  Wir liegen direkt an den alten, bunten Holzhäusern. Ein schönes Postkartenmotiv und sicherlich toll für Alle, die gesehen werden wollen. Zwischen den Holzhäusern und uns führt eine große Straße und hier wird gezeigt, was in den Autos steckt- oder auch nicht. Hinter uns liegen mehrere Motorboote im Päckchen, die morgens um 9 Uhr schon mit der Party anfangen. Netterweise dürfen wir auch mitmachen, also zuhören und zuschauen. Abends den leicht bekleideten Damen, die irgendwelche Tanzmoves hinlegen, die zum schreien komisch sind. Also ein bisschen Hafenkino gibt es auch für uns. Wir gönnen uns einen Aperol und lachen uns schlapp. 

Zu Fuß erkunden wir die Stadt, lassen uns treiben, gehen aber auch abseits der Touristenströme in die kleinen Gassen und schauen natürlich im ganzjährigen Weihnachtsladen vorbei.  Wir stellen fest, Bergen gefällt uns überhaupt nicht. Die Stadt ist erstaunlich dreckig und ungepflegt. Obwohl hier die großen Kreuzfahrer anlegen scheint es überhaupt kein Konzept zu geben, keine Idee, wie man den Hafen und das so bekannte Postkartenmotiv gestalten könnte. Uns kommt Stavanger in den Kopf, ebenfalls besucht von Kreuzfahrern und Touristen. Hier wurden jeden Morgen die Straßen gereinigt. In Bergen sind die Straßen ekelig dreckig, überall liegt Müll, es stinkt. Scheinbar wird hier nie gesäubert und kaputte Gehwege werden einfach mit Teer übergossen, anstatt passende Platten zu verlegen. Es gibt kein Grün, keinen einzigen Baum entlang des Hafens- dem Aushängeschild von Bergen. Am Ende des Hafens ist ein kleiner Markt. Hier kann man Fisch kaufen und sich gleich zubereiten lassen. Daneben Eisbuden, Stände mit Socken usw. Charme wie auf einem Pariser Marché gekreuzt mit einem Rummelmarkt oder einer Kirmes, ohne Toiletten oder Mülleimer.  Ein ungefähres Bild im Kopf? Vielleicht auch einen Geruch? Schön, also nicht schön. Daher wollten wir weg. Konnten wir aber ja nicht, da wir bis Dienstag warten mussten. Entsprechend top gelaunt waren wir irgendwann. Dienstag ging es dann endlich los in Richtung Norden. Raus aus der Stadt, rein in die Ruhe, die Natur, ohne Autos, Trubel und üblen Gerüchen. Vielleicht haben wir die Weite, die Stille und die Natur Norwegens schon so eingeatmet, dass uns Stadt nicht mehr gefällt? Passt nicht zu uns, nicht zu Leonie, als Stadtentwicklerin. Es muss an Bergen selbst liegen.  Warten wir es ab, es folgen noch einige Städte auf unserer Route. Aber jetzt genießen wir erstmal die Ruhe und die Natur, gehen wandern und machen eine schöne Kajaktour. Und dann genießen wir auch wieder den Regen, die Sonne lässt sich nämlich immer nur kurz blicken. 

Erkenntnis der Tage: Zwischendurch den Kalender auf Feiertage prüfen. 

Durch die Schären in Richtung Bergen 

01. Juni 2022

Nach einer Woche verlassen wir den Hardangerfjord und nehmen langsam Kurs Richtung Bergen. Kurz hinter dem Hardangerfjord sehen wir die „PIONEERING SPIRIT“ von Allseas, das weltweit größte Arbeitsschiff und das weltweit größte jemals gebaute Schiff nach Bruttoraumzahl und Breite. Sie ist 382 Meter lang, ganze 123 Meter breit und kann bis zu 48.000 Tonnen heben. Die Größe ist unfassbar und erschlägt uns fast. Martin, als Schiffbauer und Ingenieur, ist total begeistert und hält ein Kurzreferat. Wir fahren nicht direkt nach Bergen, sondern machen zwischendurch Halt in einer der vielen kleinen Buchten und Häfen in den Schären vor Bergen. Zuerst halten wir in Rubbestadneset. Der Hafen ist klein, eng und sehr flach. Wir fahren La Rossa langsam an den Gästelieger und quetschen und neben eine andere Yacht. Hier in Rubbestadneset ist Anne, die Frau von Leonies Bruder Philipp, also unsere Schwägerin, aufgewachsen. Wir laufen zu Annes früherem Elternhaus und ihrer Grundschule und rätseln darüber, wo Anne als kleines Kind gespielt hat. Der Hafenmeister erstattet uns die Liegegebühr, da wir die Bezahl-App Vipps als Touristen nicht benutzen können und es keine Barkasse gibt. So geht es uns übrigens mehrfach, wodurch wir ganz ordentlich sparen. Die Liegeplatzgebühren betragen hier zwischen 35-50 Euro pro Nacht, da kommt ein bisschen was zusammen. Nach Rubbestadneset segeln wir weiter und machen in der Bucht von Tyssøyna mit Bug- und Heckleinen fest. Hier verbringen wir zwei wunderbare, entspannte Tage. Das Wetter wird immer besser, die Sonne bleibt uns erhlaten und es wird richtig warm. So langsam werden es sommerliche Temperaturen und wir bekommen Lust schwimmen zu gehen. Nach einem kurzen Temperaturcheck 13,8°C, springen wir vor dem Sprung ins Wasser noch in unsere Neoprenanzüge. Mit den Neos halten wir es im Wasser gut aus, allerdings kühlen unsere Hände schnell aus. Das Rausklettern wird nach einer halben Stunde recht spannend, da wir kaum noch Gefühl in den Händen haben, aber die Badeleiter irgendwie hoch müssen. Nachdem wir wieder trocken sind, machen wir eine Wanderung auf den höchsten Berg der kleinen Insel und genießen den Ausblick über den Schärengarten, bis zu den Hohen Bergen auf dem Festland. Abends versuchen wir uns an der Angel, ohne Glück. Am nächsten Morgen machen Archie und Leonie noch eine kleine Wandertour. Da wir in der Mitte der Bucht liegen, nutzen wir das Dinghi um an Land bzw. wieder zurück zum Schiff zu kommen. Am Schiff angekommen klettern beide an Deck. Nach ein paar Minuten kommt von Leonie „ich glaube wir haben unser Dinghi verloren…“. Ja, da treibt es langsam und mit ein bisschen Rückenwind an uns vorbei und die Bucht hinaus. Martin zieht sich die Hose aus, will hinterherspringen und das Dinghi holen. Schnell erinnert er sich aber an die kalten Hände von gestern und unterlässt die Aktion. Wir sind eben noch nicht im Mittelmeer, sondern in Norwegen. Unsere einzige Chance ist, „Leinen los“ und hinterher. Es wird etwas hektisch. Wir können die Leinen nicht einholen, da sie an Land festgemacht sind. Zwei von den Leinen schwimmen, ausgerechnet die Heckleinen, sodass wir aufpassten müssen uns diese nicht in die Schraube zu ziehen. Nach 15 Minuten haben wir das Dinghi wieder und Leonie düst zurück an Land um unsere Leinen einzusammeln. Danach geht es dann wieder gemütlich zu und wir nehmen Kurs auf Bergen. Erkenntnis des Tages: Dinghi festmachen schützt vor Hektik und Sprüngen ins kalte Wasser :-)

Von Stavanger in den Hardangerfjord

22. Mai 2022

Im Hafen von Stavanger treffen wir auf eine norwegische Seglerfamilie, unterwegs im Rahmen der Elternzeit mit einem Baby und zwei Kleinkindern. Wie so oft in einem Hafen kommen wir ins Gespräch, unterhalten uns über unsere Segelpläne und bekommen Tipps.  Einer seiner Tipps ist der Hardangerfjord, etwas nördlich von Stavanger. Mit ca. 80 Seemeilen ist er zwar etwas kleiner als der Sognefjorden (Norwegens längster und tiefster Fjord) aber seiner Meinung nach der Schönere. Somit machen wir uns auf den Weg in den Hardangerfjord, unserem ersten Fjord in Norwegen. 

Segeln in Fjorden ist etwas Besonderes. Hier gibt es eine Regel: entweder gibt es keinen Wind, es ist stark böiger Wind, der durch den Fjord nochmal kanalisiert wird und ordentlich ballert oder der Wind dreht ständig.  Im Ergebnis hat man also nie den perfekten Wind. Wir haben die meiste Zeit fast keinen Wind, sodass wir sehr langsam segeln oder motoren.  Das Panorama ist fantastisch, die Fjordlandschaft imposant. Der Hardangerfjord besticht mit bombastischen Ausblicken und einer traumhaften Landschaft. Steile, raue Berglandschaften und dann wieder grüne, teils bewaldete Wiesenlandschaften. Im Hintergrund schneebedeckte Berge, am Ufer grüne Wiesen mit Kühen und traumhaften Höfen.  Ohne Welle bewegen wir uns auf türkisenem Wasser fort. Es ist fast so, wie auf einem Bergsee. Die Tage hier erinnern uns an Urlaube in den Alpen. Nur gibt es hier mehr Fischerboote. Der Hardangerfjord ist weitläufig, aber auch eine Sackgasse. Alles was wir reinfahren, müssen wir auch wieder hinausfahren. Das ist uns aber nicht so wichtig, schließlich haben wir Zeit und die Segeltage sind lang. Die Sonne geht zwar noch unter, aber es wird nicht mehr dunkel. 

Das bringt unseren Rhythmus auch ganz schön durcheinander. Wir stehen zwar früh auf, aber wir frühstücken meist erst gegen Mittag, Mittagessen gibt es so gegen 17 Uhr und Abendessen nie vor 22 Uhr. Wir schlafen wenig, haben aber richtig viel Energie. Wenn es „tagsüber“ regnet, gehen wir erst abends los auf eine Wanderung. Zu dieser Jahreszeit geht das. Dennoch sind wir etwas früh in der Saison hier. In den Folgefonna Nationalpark mit Gletscher dürfen wir nicht ohne Guide. Touren werden erst ab Juni angeboten, will man früher gehen zahlt man einen kräftigen Aufschlag. Wir überlegen eine Hüttenwanderung zu machen. Die Wanderwege sind kategorisiert (einfach bis Experte), wir bekommen aber schnell raus, dass die Norweger was anderes unter den Kategorien verstehen.  Alles wofür man keine Hände benutzen muss fällt unter leicht. Das bedeutet, bei allen anderen Wegen muss man klettern. Da das Wetter noch sehr unbeständig, nebelig und regnerisch ist und Kletter-Wanderwege entsprechend rutschig sind, machen wir keine Hüttentour. „Gut so“ sagt die Norwegerin Line, oben auf den Bergen schneie es noch ganz ordentlich und vergangene Woche sind mehrere Wanderer mit dem Helikopter abgeborgen worden. 

Nachdem wir ein paar Meilen den Fjord hineingefahren sind, etwa auf Höhe von Leivik, sehen wir im Wasser eine merkwürdig wirkende Trennlinie im Wasser. Das klare, dunkelblaue Wasser ändert sich an dieser Linie schlagartig zu einem türkisen, etwas milchigem Wasser, welches tatsächlich karibisches Flair verströmt. Irgendetwas muss in diesem Fjord das Wasser völlig verändern, so grübeln wir ob es etwas mit dem Gletscherwasser zu tun haben kann. Die Erklärung wird uns am folgenden Tag von einem sehr netten Paare gegeben. Das Wasser sehe für die kommenden zwei Wochen aufgrund der Paarungszeit der Kalkalgen so aus, danach sei auch hier das Wasser wieder glasklar.

Unser erster Halt ist der Naturhafen von Lykelsoya (N59°48,5 E005°40,3). In dieser traumhaft schönen Bucht wurde ein Festmachersteg verankert und ein befestigter Weg aus Holzplanken um die Bucht angelegt. Hier findet man mehrere Feuerschalen und einen kleinen Ofen, die zur freien Benutzung sind. Auch liegt Feuerholz bereit. Ein kleiner, weißer Strand findet sich ebenfalls. Dieser ist mit einer Harke und einem Hinweisschild mit der Bitte die Algen wegzuharken, damit er so schön weiß bleibt versehen. Schon sind wir dabei den Strand zu harken und die Algen wegzuräumen. 
Wir wollen uns ein bisschen die Insel ansehen und folgen einem Wanderweg den ersten Berg hinauf. Der Weg führt über Felsen, an denen wir teilweise klettern müssen, über kleine Pfade mit Planken und dann über Gestrüpp und Moosböden. Letztere sind so weich, dass wir teilweise 10 cm tief einsinken. „Laufen wie auf Wolken“, sagt Leonie.  Es hat geregnet und der Himmel ist etwas bedeckt. Dadurch leuchtet und strahlt alles in den verschiedensten Grüntönen. Es ist unheimlich schön, etwas mystisch vielleicht. Auf der anderen Inselseite am Ufer angekommen gehen wir ein Stück dem Ufer entlang, in der Annahme, dort würde der Weg weitergehen. Bald finden wir keine Markierungen mehr- vielleicht kommt die nächste ein Stück weiter? Es sieht jedenfalls so aus, als würde der Weg noch weitergehen. Wir laufen ein gutes Stück und stellen fest, es gibt keinen Weg, keine Markierungen und wir haben uns verlaufen.  Wir versuchen uns zu orientieren, überlegen, wo der Weg langgeht und wo La Rossa liegen müsste. Dann stapfen wir los, tiefer hinein in eine wahnsinnig schöne aber auch absolut naturbelassene Felsen-, Bäume-, Moos- und Gestrüppwelt. Wir erkämpfen uns einen Weg hinauf auf den nächsten Berg, treten immer wieder in tiefe Wasserpfützen oder sumpfartige Moosflächen. Schnell sind unsere Schuhe und Hosen durchnässt. Manche Felsen sind überwachsen, sodass wir vorsichtig sein müssen, nicht zwischen zwei Felsen zu rutschen. Auf der nächsten Anhöhe, wo eigentlich der Weg hätte sein müssen, gab es keinen Weg. Also weiter, den nächsten Felsen hoch. Nach zwei Stunden erblickten wir unsere Bucht. Weit ist es nicht mehr, aber noch immer kein richtiger Weg, also weiter durch das Gestrüpp. Nach der unverhofft anstrengenden Wanderung – uns war wirklich sehr warm geworden trotz des kalten Wetters – kam uns der Gedanke, endlich baden zu gehen. Motiviert laufen wir ins Wasser, drehen aber zügig um, als uns das Wasser bis zur Hüfte steht. 13°C Wassertemperatur ist nicht unsere Badetemperatur.  Am Schiff gibt es eine warme Dusche und ein kleinen, wärmenden Schluck Rum.  Erkenntnis des Tages: sollten wir den Weg nochmal verlieren, drehen wir sofort um. 

Den nächsten Stopps machen wir in Rosendal, Sundal und Norheimsund. Die Häfen und Buchten, in denen wir festmachen können nehmen ab, je weiter wir in den Fjord hineinfahren. Dafür werden die Liegeplätze umso teurer. In Sundal machen wir einen Spaziergang zu einem Gletschersee und in Norheimsund machen wir eine Dinghiausfahrt in einen kleinen Nebenfjord. Wir tauchen ein in eine ganz andere Welt. Die Berge gehen steil nach oben bis auf 1000 Meter. Wir fahren an mehreren Wasserfällen vorbei.  Am Ende des Fjords befinden sich ein paar Häuser. Es führt keine Straße hierin. Nur per Boot ist der Fjord zugänglich. Wir sind alleine hier,  lassen uns im Dinghi treiben und kommen aus dem Staunen nicht mehr raus. Der Hardangerfjord und die Landschaft sind wunderschön, vielseitig und kaum in Worte zu fassen. Hierhin werden wir wiederkommen, irgendwann. Wenn Sommer ist und dann erklimmen wir die Berge. 

Auf nach Stavanger 21.05.2022

Nach Mandal geht es früh morgens für uns los in Richtung Stavanger. 120 Seemeilen liegen vor uns, ca. 10 Stunden segeln, je nach Wind und Welle. Die sind beide nicht besonders gut an dem Tag. Bläst der Wind zu Beginn des Tages noch ordentlich, schläft er gegen Nachmittag fast ein. Dafür haben wir aber noch die alte Welle stehen, sodass wir ordentlich hin und her rollen, aber kaum Meilen schaffen. Wir entscheiden uns, ein kleines  Fischerdorf anzulaufen und am nächsten Tag die Fahrt nach Stavanger fortzusetzen. Der nächste Segeltag ist um einiges besser. So rauschen wir mit 8-9 Knoten und kaum Welle nach Stavanger. Solche Segeltage machen Spaß und sind für alle nicht so anstrengend. In Stavanger legen wir in einem kleinen Hafen mitten im Zentrum an und gehen abends im Restaurant gegenüber von La Rossa etwas trinken. Taktisch gut gemacht, denn das WLan vom Restaurant reicht bis zu uns rüber. Da verkraften wir auch die Preise. 

Beim Schlendern durch die Stadt fällt uns auf, dass neben den ganzen Touristen von den Kreuzfahrern auch Erasmus- Studierendengruppen unterwegs sind. Erasmus ist in Norwegen also auch wieder möglich. Da wir beide selber Erasmus gemacht haben und eine unvergessliche Zeit hatten, freut uns das besonders. Corona-Beschränkungen sucht man in Norwegen übrigens vergeblich. Es gibt keine Impfasskontrollen, keine Maskenpflicht oder Beschränkungen in Restaurants, Bars oder bei Veranstaltungen. Fühlt sich gar nicht schlecht an. 

In Stavanger schauen wir noch in einem Surf-Shop vorbei und kaufen uns neues Wing Foil Equipment. Zum Kiten fehlt hier meist der Platz, sodass Wing Foilen eine gute Alternative darstellt. Ich bin gespannt, wann Martin das erste Mal einem Versuch zustimmt. Bislang ist er nicht so heiß darauf ins Wasser zu springen, selbst mit Neo nicht. 5 Grad mehr Temperatur und ich denke, er ist dabei. Apropos hier ist es zwischen 12-18 Grad derzeit. Also T-Shirt bis leichter Fleece-Wetter. 

Mandal: wir erleben den Nationalfeiertag 17.05.2022

Nach drei Tagen verlassen wir die wunderschöne Bucht. Es geht auf den 17.05. zu, dem Nationalfeiertag in Norwegen. Den wollen wir in Mandal erleben. Wir segeln stramm, aber nur eine kurze Strecke früh morgens los. Die Hafeneinfahrt liegt vor einem Strandabschnitt. Mit 9 Knoten segeln wir auf den Strand zu, fast so, als wollten wir mit La Rossa beachen. Kurz vor dem Strand müssen wir scharf nach rechts, wir bergen die Segel und fahren langsam in den Hafen rein. Es ist sehr windig und die Vorhersage bleibt windig. Daher entscheiden wir uns, etwas geschützter, aber dafür etwas weiter vom Stadtkern weg festzumachen. Mandal ist nicht sehr groß, sodass alle Entfernungen prima zu Fuß zu bewältigen sind. Archie freut sich über die vielen Wege, die wir laufen. Im alten Stadtkern befinden sich viele kleine, schnuckelige und einzigartige Läden. Wir laufen durch einen weitläufigen Pinienwald zum Strand. Die Luft ist klar, die Sonne scheint und wir können uns gut vorstellen, wie die Norweger ihre Sommertage hier verbringen. Am 17.05. werden wir durch die Gesänge von Kinderchören geweckt. Bei einem ersten Kaffee an Deck stauen wir nicht schlecht über die mit der norwegischen Flagge geschmückten Häuser. In jedem Blumentopf steckt mindestens eine kleine Fahne. Zum Nationalfeiertag wird Tracht oder Anzug getragen, selbst die Babys haben Trachten an. Gegen Mittag gehen wir in ein Restaurant an einem kleinen Platz. Es ist eine schöne und gelöste Stimmung. Es wird Sekt getrunken, zusammen gegessen und gefeiert. Um 16 Uhr findet man sich auf der Hauptstraße ein. Nachdem zwei Schüsse aus einer alten Kanone abgegeben wurden, beginnt die Parade. Fahnenträger, Musiktruppen und die Vereine der Stadt machen einen Umzug. Es fühlt sich etwas wie Karneval an, nur ohne Kamelle. Nach einer Stunde ist der Umzug vorbei und es löst sich auf. Wahrscheinlich wird jetzt mit der Familie zuhause gefeiert. Ein schöner Tag war das. 

Traumhafte Bucht: Felsklippen und Steine
15.05.2022

Nach Kristiansand wollen wir in die erste einsame Bucht in den Schären fahren. Unser Segelfreund Burkhard hat uns eine Reihe Havenguiden Bücher mitgegeben. Dort sind die kleinen Buchten, die teilweise schnell flach werden, eingezeichnet. In Bildern sind die in die Felswände eingeschlagenen Festmacherringe eingezeichnet. Die Bücher sind genauer als unsere Seekarten. Damit wagen wir den ersten Versuch. Langsam fahren wir in die Bucht rein. Der Tiefenmesser springt rasant von 100 Meter auf 50, dann auf 10 Meter. Am Ende tasten wir uns auf 2,30 Meter vor. Wir haben 1,90 Meter Tiefgang und ein bisschen Gezeiten sind hier auch. Es ist knapp, aber es reicht. Vor unserem Burg liegt ein riesiger Fels im Wasser. Weiter vor sollten wir nicht fahren. Wir machen uns ordentlich fest, mit mehreren Festmacher- und zur Sicherheit auch Springleinen. Die nächsten Tage soll der Wind etwas auffrischen. 

Ganz alleine liegen wir hier, umgeben von Felsen und inmitten von glasklarem, türkisen Wasser. Ein bisschen fühlt es sich an, als wären wir im Mittelmeer. Die Wassertemperatur erinnert uns jedoch daran, dass wir im Norden sind. Es ist noch viel zu kalt, um zu schwimmen. Der Sommer hat hier gerade erst begonnen. Die warmen Tage liegen also noch vor uns. Wir bleiben drei Nächte in der Bucht. Gehen wandern, klettern die Felsen rauf und laufen in das nahegelegene Örtchen. Bei Windstille machen wir unsere ersten Testflüge mit der Drohne. Die Bilder zeigen, wie schön es hier ist. Wir genießen die Natur und die Stille. Langsam kommen wir an. In Norwegen und in unserem neuen Lebensabschnitt. 

Überfahrt nach Norwegen und Ankommen in Kristiansand 12.05.2022

Bei schönstem Wetter, Sonnenschein, mäßigem Wind und keiner Welle sind wir von Helgoland nach Norwegen aufgebrochen. Eigentliches Ziel war Mandal. Da es hier aber keinen Port of Entry mit Zoll gibt, mussten wir zwischendurch die Route etwas ändern und Kristiansand ansteuern. Der Zollbesuch war für uns wichtig, da es spezielle Einreisebestimmungen für Hunde inkl. Medikamentengabe vom Tierarzt vor Abfahrt bzw. Ankunft in Norwegen gibt. 

In der Nacht frischte der Wind auf und damit einhergehend kam eine unangenehme Welle von schräg achtern, die uns ziemlich hin und her rollte. Wir stellen fest, dass wir uns an das Segeln, den Seegang und die Bewegung des Schiffes noch gewöhnen müssen. Auch Archie lernt sich auf dem Schiff zu bewegen. Er sucht sich seine Plätze gut aus. Meist liegt er bei einem von uns eingekuschelt und schläft. Wir fahren drei Stunden Wachen. Einer von uns darf drei Stunden lang erholsamen Schlaf sammeln und danach drei Stunden aufpassen, dass wir den richtigen Kurs fahren, die Segeleinstellung passt und wir nicht in einen der vielen Windparks fahren oder mit einem anderen Schiff kollidieren. Die Wach-Zeiten sind entspannt. Meist schauen wir Filme oder Lesen. Wir haben eine Windfahnensteuerung, die für uns das Steuern übernimmt- immer mit dem eingestellten Kurs zum Wind. Entsprechend sollte man bei Winddrehern die Windfahne neu einstellen, sonst fährt man im Kreis. Soll schon mal vorgekommen sein. Nach 44 Stunden erreichen wir Kristiansand. Ein bisschen aufgeregt sind wir, da die Karten teilweise nur 2 Meter Wassertiefe anzeigen. Aber wir sind mutig. Langsam fahren wir an den Steg und machen fest. Unser erster Gang geht zum Hafenmeister. Wir melden uns an, bezahlen und stellen fest, dass wir Landkrank sind. Alles schaukelt und wir stehen schwankend neben dem Hafenmeister. Der lacht. Nächste Station ist der Zoll. Dort angekommen blicken wir in erstaunte und etwas fragende Gesichter. Wir übergeben den Impfpass und bitten um Erlaubnis mit Archie in Norwegen zu reisen. Der Zollbeamte gibt sich Mühe den Pass mit offiziellem Gesicht zu kontrollieren, merken aber, dass wir hier eigentlich nicht hätten herkommen müssen. Wir bekommen den Pass zurück. Ohne Stempel, Brief oder einen Nachweis über die Vorstellung beim Zoll. 

Zwei Nächte bleiben wir in Kristiansand. Wir müssen uns erstmal richtig ausschlafen, ich muss noch etwas arbeiten und dann schauen wir uns die Stadt an. Kristiansand ist eine der größeren Städte hier an der Küste. Es gibt eine schöne Innenstadt, ein altes Stadtviertel mit kleinen, weißen Holzhäusern und viele Neubauprojekte, urban gardening Projekte, riesige Spielplätze für Jung und Alt und gut gelöste Übergänge zwischen Land und Wasser. Als Stadtentwicklerin schlägt natürlich mein Herz für solche Projekte. Martin schlendert mit mir alle Straßen ab und teilt meine Begeisterung.   

Der Hafen ist noch relativ leer, da die Saison erst Ende Mai beginnt, aber einige hartgesottene Norweger und Briten sind schon unterwegs. In vier Tagen, am 17.05. ist hier Nationalfeiertag. Uns wird empfohlen, dann in einer Stadt zu sein. So machen wir uns auf Richtung Mandal mit einem Zwischenstopp in einer kleiner Bucht bei Stolholmen. 

Der Beginn der Reise: Abschied nehmen 05.05.2022

Die letzten zwei Jahre waren geprägt von einschneidenden und traurigen Erlebnissen. Wir wurden mit Krankheiten und Todesfällen konfrontiert. Nach dem Verlust eines lieben und wichtigen Menschen in der Familie, haben wir uns angeschaut und sowas gesagt wie, „wir machen das jetzt einfach, man weiß nie ob es richtig ist, besser wird oder es später noch so funktioniert wie jetzt“. Wir sind beide keine „auf später, irgendwann mal“ Denker. Meine Mama Luka sagt immer, „es gibt für alles eine Zeit“ und „immer mit der Ruhe und dann mit einem Ruck“. Wir haben uns den Ruck gegeben und empfinden, dass jetzt die Zeit für uns ist, auf Reisen zu gehen. 

Nachdem wir den Entschluss gefasst hatten, ging es zügig los mit der Kündigung unserer Arbeitsstellen und der Wohnung. Wir begonnen damit unsere Wohnung auf- und auszuräumen, unsere Möbel, Autos, und alles, was wir nicht behalten wollten zu verkaufen oder zu verschenken. LaRossa hatten wir schon vergangenen Herbst, zu Björn und Nadja von der Bootswerft Maleika, nach Bremen geholt.  Der Umzug aufs Schiff Mitte Februar konnten wir daher teilweise mit dem Fahrrad machen. 

Beim Ausräumen haben wir mal wieder festgestellt, dass es sich hin und wieder doch lohnen würde einen Blick in die „ich brauch das bestimmt nochmal irgendwann“ Kartons zu werfen.  Zwar hatten wir nur eine kleine Wohnung, aber einen genauso großen Dachboden und einen Kellerraum, die sehr erstaunliche und natürlich (für später einmal) wichtige Dinge zum Vorschein gebracht haben. Wir sind mehrfach zum Recyclinghof gefahren… Sowas tut ja auch gut, weiß man auch, macht man dennoch zu selten. Wir zumindest. Nun ist LaRossa also vermeintlich nur noch mit den Dingen eingeräumt, die wir dringend brauchen. Meine Schwiegermutter Birgit hat aber schon das Angebot unterbreitet, uns mit einem Sprinter zu besuchen, für den Fall, dass wir im Laufe der Zeit doch nicht alles ganz so dringend benötigen. 

Einige Arbeiten am Schiff standen bis zur Abfahrt noch an. So wurde u.a. eine neue Batterie- und Ladetechnik eingebaut, die Navigation neu aufgesetzt und diverse Teile ausgetauscht bzw. überholt. Das hat sich gelohnt. Jetzt können wir unseren Strombedarf weitestgehend unabhängig und regenerativ erzeugen. Dafür haben wir einen Windgenerator und zwei große Solarpaneele. In Verbindung mit neuen Lithiumbatterien kommen wir gut klar. 

Während Martin schon Ende Januar aufgehört hat zu arbeiten und dadurch die meiste Arbeit am Schiff erledigen konnte, habe ich bis Ende März noch in Vollzeit gearbeitet. Obwohl ich bereits 2020 von Stuttgart nach Bremen zurückgezogen bin (ich habe dennoch weiter für meinen Arbeitgeber in Stuttgart gearbeitet), ist mir der endgültige Abschied aus Stuttgart, von den Freunden und den Arbeitskollegen sehr schwer gefallen. Mit Stuttgart sind viele schöne Erinnerungen verbunden. 

Im April waren wir mehrfach in unserer alten Heimat, was für Martin Bottrop und mich Siegburg bedeutet. Wir haben die Zeit Zuhause, mit der Familie und den Freunden sehr genossen. Wir hoffen auf baldige Wiedersehen. Irgendwo auf dieser Reise. 

In Bremen hieß es dann Abschied nehmen von den Freunden aus alten Studientagen und von unseren gerade so lieb gewonnen neuen Freunden rund um die Bootswerft Maleika und den anderen Segelverrückten, die wir in der Zeit noch kennenlernen durften. Aber auch hier hoffen wir, auf ein Wiedersehen, aber nicht in Bremen, sondern auf See. 

Mit dem Hochwasser um 6 Uhr in Bremen haben wir am 05.05.2022 abgelegt. Kurs Bremerhaven. Das letzte Treffen mit Martins Eltern und unserem Freund Meinolf. Mit einem Zwischenstopp auf Helgoland ging es dann los Kurs Null-Grad, nach Norwegen.