Norwegen

Von Stavanger in den Hardangerfjord

22. Mai 2022

Im Hafen von Stavanger treffen wir auf eine norwegische Seglerfamilie, unterwegs im Rahmen der Elternzeit mit einem Baby und zwei Kleinkindern. Wie so oft in einem Hafen kommen wir ins Gespräch, unterhalten uns über unsere Segelpläne und bekommen Tipps.  Einer seiner Tipps ist der Hardangerfjord, etwas nördlich von Stavanger. Mit ca. 80 Seemeilen ist er zwar etwas kleiner als der Sognefjorden (Norwegens längster und tiefster Fjord) aber seiner Meinung nach der Schönere. Somit machen wir uns auf den Weg in den Hardangerfjord, unserem ersten Fjord in Norwegen. 

Segeln in Fjorden ist etwas Besonderes. Hier gibt es eine Regel: entweder gibt es keinen Wind, es ist stark böiger Wind, der durch den Fjord nochmal kanalisiert wird und ordentlich ballert oder der Wind dreht ständig.  Im Ergebnis hat man also nie den perfekten Wind. Wir haben die meiste Zeit fast keinen Wind, sodass wir sehr langsam segeln oder motoren.  Das Panorama ist fantastisch, die Fjordlandschaft imposant. Der Hardangerfjord besticht mit bombastischen Ausblicken und einer traumhaften Landschaft. Steile, raue Berglandschaften und dann wieder grüne, teils bewaldete Wiesenlandschaften. Im Hintergrund schneebedeckte Berge, am Ufer grüne Wiesen mit Kühen und traumhaften Höfen.  Ohne Welle bewegen wir uns auf türkisenem Wasser fort. Es ist fast so, wie auf einem Bergsee. Die Tage hier erinnern uns an Urlaube in den Alpen. Nur gibt es hier mehr Fischerboote. Der Hardangerfjord ist weitläufig, aber auch eine Sackgasse. Alles was wir reinfahren, müssen wir auch wieder hinausfahren. Das ist uns aber nicht so wichtig, schließlich haben wir Zeit und die Segeltage sind lang. Die Sonne geht zwar noch unter, aber es wird nicht mehr dunkel. 

Das bringt unseren Rhythmus auch ganz schön durcheinander. Wir stehen zwar früh auf, aber wir frühstücken meist erst gegen Mittag, Mittagessen gibt es so gegen 17 Uhr und Abendessen nie vor 22 Uhr. Wir schlafen wenig, haben aber richtig viel Energie. Wenn es „tagsüber“ regnet, gehen wir erst abends los auf eine Wanderung. Zu dieser Jahreszeit geht das. Dennoch sind wir etwas früh in der Saison hier. In den Folgefonna Nationalpark mit Gletscher dürfen wir nicht ohne Guide. Touren werden erst ab Juni angeboten, will man früher gehen zahlt man einen kräftigen Aufschlag. Wir überlegen eine Hüttenwanderung zu machen. Die Wanderwege sind kategorisiert (einfach bis Experte), wir bekommen aber schnell raus, dass die Norweger was anderes unter den Kategorien verstehen.  Alles wofür man keine Hände benutzen muss fällt unter leicht. Das bedeutet, bei allen anderen Wegen muss man klettern. Da das Wetter noch sehr unbeständig, nebelig und regnerisch ist und Kletter-Wanderwege entsprechend rutschig sind, machen wir keine Hüttentour. „Gut so“ sagt die Norwegerin Line, oben auf den Bergen schneie es noch ganz ordentlich und vergangene Woche sind mehrere Wanderer mit dem Helikopter abgeborgen worden. 

Nachdem wir ein paar Meilen den Fjord hineingefahren sind, etwa auf Höhe von Leivik, sehen wir im Wasser eine merkwürdig wirkende Trennlinie im Wasser. Das klare, dunkelblaue Wasser ändert sich an dieser Linie schlagartig zu einem türkisen, etwas milchigem Wasser, welches tatsächlich karibisches Flair verströmt. Irgendetwas muss in diesem Fjord das Wasser völlig verändern, so grübeln wir ob es etwas mit dem Gletscherwasser zu tun haben kann. Die Erklärung wird uns am folgenden Tag von einem sehr netten Paare gegeben. Das Wasser sehe für die kommenden zwei Wochen aufgrund der Paarungszeit der Kalkalgen so aus, danach sei auch hier das Wasser wieder glasklar.

Unser erster Halt ist der Naturhafen von Lykelsoya (N59°48,5 E005°40,3). In dieser traumhaft schönen Bucht wurde ein Festmachersteg verankert und ein befestigter Weg aus Holzplanken um die Bucht angelegt. Hier findet man mehrere Feuerschalen und einen kleinen Ofen, die zur freien Benutzung sind. Auch liegt Feuerholz bereit. Ein kleiner, weißer Strand findet sich ebenfalls. Dieser ist mit einer Harke und einem Hinweisschild mit der Bitte die Algen wegzuharken, damit er so schön weiß bleibt versehen. Schon sind wir dabei den Strand zu harken und die Algen wegzuräumen. 
Wir wollen uns ein bisschen die Insel ansehen und folgen einem Wanderweg den ersten Berg hinauf. Der Weg führt über Felsen, an denen wir teilweise klettern müssen, über kleine Pfade mit Planken und dann über Gestrüpp und Moosböden. Letztere sind so weich, dass wir teilweise 10 cm tief einsinken. „Laufen wie auf Wolken“, sagt Leonie.  Es hat geregnet und der Himmel ist etwas bedeckt. Dadurch leuchtet und strahlt alles in den verschiedensten Grüntönen. Es ist unheimlich schön, etwas mystisch vielleicht. Auf der anderen Inselseite am Ufer angekommen gehen wir ein Stück dem Ufer entlang, in der Annahme, dort würde der Weg weitergehen. Bald finden wir keine Markierungen mehr- vielleicht kommt die nächste ein Stück weiter? Es sieht jedenfalls so aus, als würde der Weg noch weitergehen. Wir laufen ein gutes Stück und stellen fest, es gibt keinen Weg, keine Markierungen und wir haben uns verlaufen.  Wir versuchen uns zu orientieren, überlegen, wo der Weg langgeht und wo La Rossa liegen müsste. Dann stapfen wir los, tiefer hinein in eine wahnsinnig schöne aber auch absolut naturbelassene Felsen-, Bäume-, Moos- und Gestrüppwelt. Wir erkämpfen uns einen Weg hinauf auf den nächsten Berg, treten immer wieder in tiefe Wasserpfützen oder sumpfartige Moosflächen. Schnell sind unsere Schuhe und Hosen durchnässt. Manche Felsen sind überwachsen, sodass wir vorsichtig sein müssen, nicht zwischen zwei Felsen zu rutschen. Auf der nächsten Anhöhe, wo eigentlich der Weg hätte sein müssen, gab es keinen Weg. Also weiter, den nächsten Felsen hoch. Nach zwei Stunden erblickten wir unsere Bucht. Weit ist es nicht mehr, aber noch immer kein richtiger Weg, also weiter durch das Gestrüpp. Nach der unverhofft anstrengenden Wanderung – uns war wirklich sehr warm geworden trotz des kalten Wetters – kam uns der Gedanke, endlich baden zu gehen. Motiviert laufen wir ins Wasser, drehen aber zügig um, als uns das Wasser bis zur Hüfte steht. 13°C Wassertemperatur ist nicht unsere Badetemperatur.  Am Schiff gibt es eine warme Dusche und ein kleinen, wärmenden Schluck Rum.  Erkenntnis des Tages: sollten wir den Weg nochmal verlieren, drehen wir sofort um. 

Den nächsten Stopps machen wir in Rosendal, Sundal und Norheimsund. Die Häfen und Buchten, in denen wir festmachen können nehmen ab, je weiter wir in den Fjord hineinfahren. Dafür werden die Liegeplätze umso teurer. In Sundal machen wir einen Spaziergang zu einem Gletschersee und in Norheimsund machen wir eine Dinghiausfahrt in einen kleinen Nebenfjord. Wir tauchen ein in eine ganz andere Welt. Die Berge gehen steil nach oben bis auf 1000 Meter. Wir fahren an mehreren Wasserfällen vorbei.  Am Ende des Fjords befinden sich ein paar Häuser. Es führt keine Straße hierin. Nur per Boot ist der Fjord zugänglich. Wir sind alleine hier,  lassen uns im Dinghi treiben und kommen aus dem Staunen nicht mehr raus. Der Hardangerfjord und die Landschaft sind wunderschön, vielseitig und kaum in Worte zu fassen. Hierhin werden wir wiederkommen, irgendwann. Wenn Sommer ist und dann erklimmen wir die Berge.